17.07.2007
ISAF Weltmeisterschaft Cascais/Portugal
Sieg oder Niederlage? Wie bewertet man eine Weltmeisterschaft, in der man zeitweise über sich hinauswächst und am Ende dennoch die eigene Zielstellung verfehlt?
Diese und ähnliche Gedanken gingen mir immer wieder durch den Kopf, als ich mich völlig erschöpft auf der Rückreise von der Weltmeisterschaft (Cascais/Portugal) befand.
Die Fakten sind eindeutig: Platz 16 von 150 Startern. Frühzeitige Qualifikation für die Olympischen Spiele verpasst. Also Niederlage?
Als ich mich zwei Wochen vorher im Flugzeug nach Cascais befand, hatte ich mir längst mein Ziel für die WM gesetzt. Unter die top10 wollte ich kommen und damit auf direktem Weg das Ticket für die Olympischen Spiele 2008 in Peking lösen.
Die Saison war bislang optimal verlaufen. Auf Mallorca hatte ich im März das erste Olympia-Kriterium (top6) erfüllt. Bei hochrangigen Regatten in Frankreich und Portugal hatte ich weitere Regattapraxis erlangt und mich im Juni in intensiven Traininglagern in Warnemünde und Cascais gezielt auf die Weltmeisterschaft vorbereitet. Ich war in Topform.
Was dann kam, kann man nur als Segeltraum bezeichnen. Ich erwischte einen ausgezeichneten ersten Wettkampftag, hatte eine super Bootsgeschwindigkeit und den taktischen Durchblick auf der äußerst schwierigen Außenbahn des WM-Reviers. Platz 5 im ersten Rennen und mein erster WM-Tagessieg in der zweiten Wettfahrt bedeutete Rang 2 in der Zwischenwertung. Besser geht’s nicht! Dachte ich…
Am zweiten Tag fing ich da an, wo ich am ersten Tag aufgehört hatte. In den beiden Tagesrennen kam ich auf die Plätze 2 und 4. Ich konnte es kaum fassen. Sicherlich hatte ich mir für die WM viel vorgenommen, und ich wusste auch, dass ich in einer sehr guten Form war, aber so eine Leistung hatte ich mir dennoch nicht zugetraut.
An Land angekommen wurde ich sogleich vom Vize-Präsident der „Laser“-Klassenvereinigung darüber informiert, dass ich WM-Führender bin. Ungläubig starrte ich ihn an. Doch viel Zeit diese Information zu gedanklich zu verarbeiten blieb mir nicht. Sogleich „zog“ er mich zur Pressekonferenz. Anstatt des allabendlichen Ausfahrens auf dem Fahrradergometer, der sofortigen Essensaufnahme und der Oberschenkelmassage fand ich mich hinter einem weißen Tisch mit Mikro wieder und musste zahlreichen Reportern Bericht erstatten. Nach weiteren Presseterminen, Interviews etc. fiel ich abends völlig verspätet und total erschöpft ins Bett.
Am nächsten Morgen versuchte ich möglichst vielen Seglern aus dem Weg zu gehen, so wenig wie möglich über die vergangenen Tage zu reden und nachzudenken, und mich auf die kommenden zwei Tageswettfahrten zu konzentrieren. Ich fühlte mich gut. Bei aller Euphorie der Außenstehenden war mir die Leistung nicht zu Kopf gestiegen und ich hielt weiterhin an meinem Ziel, top10, fest.
Doch an diesem dritten Wettkampftag lief nahezu alles schief. Im ersten Rennen ließ der Wind auf meiner Kreuzseite drastisch nach, so dass ich nur 18. wurde. Im zweiten Rennen drehte der Wind nach dem Start 20° nach rechts, während ich mich diesmal auf der linken Kreuzseite befand. Abgeschlagen kam ich erst als 28. ins Ziel. Die WM-Führung war damit Geschichte. In der Zwischenwertung nur noch auf Platz 7 liegend, hatte ich plötzlich nur noch geringen Vorsprung zum 11. Platz.
Am folgenden Tag wurden keine Wettfahrten gesegelt – Ruhetag. Zeit zur Regeneration.
Die so genannte Qualifikation war vorbei. Das Finale begann. Ich hatte mich als Siebter fürs erste Drittel qualifiziert und ging im Goldfleet der besten 50 Segler an den Start.
Was dann kam, kann man nur als Alptraum bezeichnen. Obwohl ich nach Hälfte beider Tagesrennen unter den ersten zehn Booten lag, verlor ich jeweils über 20 Plätze. Was war passiert? Diese Frage stellte ich mir die nächsten Stunden und Tage dutzendfach. Hätte ich nur in einem Rennen meine Position gehalten, wäre ich in der Gesamtwertung in den top10 geblieben. Warum nur?!
Eigentlich weiß ich es immer noch nicht so genau. Wahrscheinlich lag es zunächst an für mich ungewohnten Bedingungen (Winddreher, Flautenfelder, sich nicht fort bewegende Windfelder, 30m Strom an Stromkanten etc.), meiner seglerischen Leistung und Pech in den entscheidenden letzten Rennen. Doch auch mangelnde Erfahrung, bei einer WM so weit vorne zu liegen, und damit einhergehendem Stress, Druck und Nervosität, wenn es wieder schlechter läuft, könnten eine größere Rolle gespielt haben.
Als Supergau kann man nur bezeichnen, dass wir am folgenden 5. Wettfahrttag auf Grund zu starken Windes keine weiteren Rennen segeln konnten. Das „Medal-Race“ der besten 10 Segler hatte ich verpasst, sicherte mir aber immerhin mit Platz 4 im 9. Rennen den top20-Platz.
Was mir am Ende bleibt, ist zunächst einmal der 16. WM-Platz – bei 150 Startern ein wirklich gutes Ergebnis. Auch wenn ich die vorzeitige Olympia-Quali verpasst habe, bewerte ich dieses Ergebnis inzwischen nicht mehr als Niederlage. Ich war – und das kann mir keiner mehr nehmen – einmal in meinem Leben WM-Führender. Ich habe außerdem gesehen, dass ich zur Weltspitze dazugehöre und werde bei der WM im Februar 2008 in Sydney/Australien (letzte Möglichkeit zur Olympia-Quali) einen weiteren Anlauf nehmen.
Ich bin davon überzeugt, dass ich es schaffen werde.
Euer Simon Grotelüschen
Weiter Infos:
www.cascaisworlds2007.com